Wohin die Reise geht

Megatrends und die Hotelbranche

Jetzt sind sie da, die 20er Jahre. Ob sie wild werden wie im vergangenen Jahrhundert, steht in den Sternen. Und nur allzu gern würden Investoren genau dorthin blicken, um zukunftssichere Entscheidungen treffen zu können. Doch die Zukunft bleibt ungewiss.

Das gilt auch für Investments in Hotelimmobilien. Allerdings gibt es fünf Megatrends, die schon heute direkt, indirekt und miteinander verknüpft Auswirkungen auf die Konzeption und den Erfolg von Hotels haben: Digitalisierung, Individualisierung, Umweltbewusstsein, Gesundheit und Globalisierung. Da die Branche wie kaum eine andere einem harten Wettbewerb ausgesetzt ist, spielen hier Anpassungen an und Innovationen für den gesellschaftlichen Wandel eine entscheidende Rolle für den Erfolg. Wagen Sie mit unserem zweiteiligen Artikel einen Blick in die Glaskugel!

Direkte und indirekte Folgen der Digitalisierung.

Das Internet, zuletzt angetrieben durch mobile Endgeräte, hat unsere Gesellschaft maßgeblich verändert. Die sofortige Verfügbarkeit von gezielten und aktuellen Informationen braucht lediglich den Zugang zum World Wide Web. Mit dieser Entwicklung entstanden beispielsweise neue Marktplayer wie Buchungsplattformen, die das klassische Reisebüro ersetzt haben. Die direkten und indirekten Auswirkungen treten zudem immer deutlicher in Erscheinung. Kostenloser Wifi-Zugang gehört zum Standard. Und individuelle Apps übernehmen die Funktion eines digitalen Concierges. Ganz selbstverständlich nutzen Hotels selbst digitale Buchungs- und Bezahlsysteme. Neben dieser Effizienzsteigerung entstanden aber auch komplette neue Geschäftsmodelle und Märkte, wie das Beispiel AirBnB zeigt. Doch diese zunächst ausschließlich als Hotelkonkurrenz wahrgenommene Online-Vermittlung von Übernachtungsmöglichkeiten in privaten Unterkünften, wird inzwischen auch von Hotels selbst als Marketinginstrument genutzt. Vor allem aber hat diese besondere Unterbringungs- und Übernachtungsvariante den Wunsch der Gäste nach sehr individuellen Einrichtungs- und Designkonzepten geweckt.

Die hohe Abhängigkeit von Suchmaschinen, deren Algorithmen über die Sichtbarkeit entscheiden, setzen Hotelmanager unter Zugzwang. Sie nutzen deshalb inzwischen soziale Netzwerke, um den direkten Kontakt zum Gast aufzubauen und zu halten. Auch an dieser Stelle treffen Individualisierung und Digitalisierung aufeinander: Die Einzigartigkeit des Hotels, führt zu einer hohen Erlebnisqualität, die dann wieder in sozialen Medien in Form von Selfies oder anderen Bildern geteilt wird. Dadurch lässt sich der Gast zunehmend und allzu gern als Markenbotschafter des Hotels instrumentalisieren. Er ist nicht mehr nur Konsument von Dienstleistungen, sondern Teil der Marketingmaschine. Die Hotelgruppe 25hours konnte mit solchen individuellen Einrichtungs- und Ausstattungskonzepten in den letzten 10 Jahren einen so großen Erfolg feiern, dass das Unternehmen inzwischen auf elf Häuser gewachsen ist und allein 2020 zwei Hotels neu eröffnet. Doch auch etablierte Hotelketten, wie z.B. Accor mit dem Konzept „Mama Shelter“,  springen auf diesen Zug auf und verknüpfen so Hostel-Charakter mit gehobenen Gästeansprüchen.

Das mobile Internet hat aber noch einen anderen, ganz entscheidenden Effekt: Es schafft mit dem „Digitalen Nomaden“ einen vollkommen neuen Menschentypus. Ob Kreative, Rechtsanwälte, Programmierer, Berater, Mitarbeiter der Medienbranche oder Manager – nur auf einen Internetanschluss angewiesen, können diese „Kopfarbeiter“ prinzipiell überall leben und arbeiten. Die weitestgehend ortsunabhängige Arbeits- und Lebensweise braucht dennoch Übernachtungsplätze, Arbeitsorte und Treffpunkte, die zum agilen Lebensstil passen. Arbeit und Freizeit verschmelzen dabei. Umso wichtiger wird damit die Work-Life-Balance und ein perfekt ausgestattetes, anregendes und gemütlich eingerichtetes Umfeld, unkompliziert buchbare und zeitlich flexible Aufenthaltsmöglichkeiten sowie angemessene Services. 

Ein entsprechend innovatives Konzept wurde beispielsweise von der Firma Zoku Amsterdam B.V in den Niederlanden erfolgreich umgesetzt. Ähnliche Mischformen aus Wohnung und Hotel bzw. Büro und Hotel bieten Full-Serviced Appartements, z. B. für Manager auf Zeit. Ruby Hotels setzt auf Hotelangebote mit temporären Büros und The Student Hotel führt die Idee des Studentenwohnheims in eine neue Zukunft. Das Konzept der bewussten „Quality Time“ als Ausgleich zur Arbeit findet gleichzeitig bei immer mehr jungen Bevölkerungsgruppen, aber auch bei progressiven Babyboomern immer mehr Anklang. Die Folge sind immer mehr Kurzurlaube in Form von Städtetrips, von denen nicht allein AirBnB profitiert.

Aufbruchstimmung in Fernost

Mit der Globalisierung hat neben dem frei verfügbaren Einkommen auch die Reiselust in  asiatischen Ländern wie China, Indien, Taiwan oder Südkorea zugenommen. Wer kürzlich einmal in Salzburg zu Fuß in der Altstadt unterwegs war und die Situation zur Jahrtausendwende als Vergleich kennt, der weiß wovon die Rede ist. Aber auch Italiener und Spanien scheint das Reisefieber gepackt zu haben. Nahezu alle touristisch halbwegs interessanten Städte und ausgewählte „Tourist-Traps“ (wie beispielsweise Schwangau mit Neuschwanstein) Mitteleuropas kennen dieses Phänomen. Genächtigt wird meist in den Städten selbst, gereist oft mit Bus und Bahn, wenn man es sich leisten kann auch mit dem Leihwagen. Bei dieser Neuentdeckung Europas spielt die inspirierende Bilderflut des Internets zusätzlich eine bedeutende Rolle. Die für Selfies und immer gleiche Ansichtsfotos gezückten Smartphones sprechen eine deutliche Sprache.

Neben den neuen Touristenströmen machen Geschäftsreisende in den Städten zusätzliche Hotelbetten erforderlich. In Europa entstehen aktuell über 1.300 neue Hotels mit 162.000 Betten, davon mehr als 25% in Deutschland – die meisten in Städten. Allein im Jahr 2020 werden in Wien 19 neue Hotels eröffnet. Einmal abgesehen von besonderen Veranstaltungen, wie Messen, sind Stadthotels das ganze Jahr über gleichmäßig ausgelastet. Vorausgesetzt sie haben „ihre“ Nische gefunden.

Die Individualisierung auf der Gästeseite findet in immer neuen Marktsegmenten ihre Entsprechung. Davon gibt es inzwischen so viele, dass man mit den Bezeichnungen dafür kaum mehr nachkommt: Von Hostels über Boutique-, Budget- und Theme-Hotels bis zu modernen oder klassischen Luxus-Herbergen findet jeder seine Zielgruppe. Die Sterneklassifizierungen haben dabei ausgedient. Denn ansprechendes Design muss nicht teuer sein. So hat im Niedrigpreissegment Motel One einen komplett neuen Markt „erfunden“, den nun auch die Radisson Group mit „Prizeotel“ erfolgreich besetzt. Ähnlich wie der Möbelhersteller IKEA setzen beide auf attraktive Gestaltung zum Discount-Preis.

Eher selten sind die sogenannten Theme-Hotels, die ein bestimmtes Thema konzeptionell erlebbar machen. Dazu gehört auch das neue Familienhotel Pier Drei in der Hamburger Hafencity. Kreativ ausgestattet mit drei Campingwagen, einem „Racker Room“ und anderen ungewöhnlichen Einrichtungen, wurde es von den Gründern des Miniatur-Wunderlandes, der größten Modelleisenbahnanlage der Welt, konzipiert. Damit ist die Übernachtungsauslastung durch den Touristenmagnet der Speicherstadt bereits vorprogrammiert.

In unserem zweiten Teil, der in drei Wochen folgt, zeigen wir, wie sich die Ferienhotellerie in Zukunft aufgrund von Megatrends verändert.